Was bedeutet es, zu sterben? Wie fühlt es sich an, wenn die Endlichkeit des Lebens plötzlich zur bitteren Realität wird? Was erwartet Sterbende, was erwartet deren Angehörige? Unsere Zeit ist begrenzt und mit jeder Zeile, die Sie hier lesen, verstreichen weitere Sekunden und Minuten Ihres Lebens, unsere kostbare Zeit ist endlich. Um das Sterben schwirren etliche Fragen, manche, die niemand so wirklich beantworten kann, jedoch auch Fragen, die im Rahmen des sogenannten Sterbeseminars Antworten finden. Wir, die Schüler der Klasse 3 BFA 2/1 der Emil-von-Behring-Schule, kommen täglich in Kontakt mit dem Tod, denn wir sind Auszubildende der Altenpflege. Im Folgenden Artikel werden wir Ihnen einige Einblicke in das sogenannte „Trauerseminar“ geben, dessen Ziel es ist, den Tod etwas lebendiger zu machen, dem Tod eine Farbe zu geben, Ängste zu nehmen und den Tod ein Stück weit zu etwas Selbstverständlichen zu machen, denn das Ende der Zeit eines jeden von uns ist unabdingbar.

Das Trauerseminar startete am Montag, den 15. Oktober 2017 mit einem gemeinsamen Frühstück unserer Klasse in Wiesensteig. Im Anschluss an unser gemeinsames Frühstück bat uns unsere Klassenlehrerin, Frau Miller, darum, aufzumalen oder aufzuschreiben, wovor wir Angst haben also worin unsere Ängste bestehen und wie wir sterben möchten. Diese Konfrontationstechnik zeigte, dass jeder Schüler unserer Klasse andere Ängste hat und in einem anderen Rahmen sterben möchte, jedoch konnte jeder Schüler dies konkret äußern und sich gegenüber den anderen Schülern öffnen. Diese bemalten oder beschrifteten Blätter falteten wir daraufhin zu einem kleinen Boot zusammen und stellten alle Boote mit brennenden Kerzen auf den Boden.

Am Mittag machten wir uns gemeinsam auf den Weg nach Ulm, um uns das Hospiz anzusehen. Wir bekamen durch einen Vortrag viele Einblicke in die Arbeit im Ulmer Hospiz. Die Hospizarbeit erstreckt sich von der ambulanten Begleitung Sterbender und deren Angehörige über ein stationäres Hospiz, die nächtliche Unterstützung zuhause oder in stationären Einrichtungen, einen ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst und der Trauerbegleitung, beispielsweise in Form eines Trauercafés, der ein Ort für Abschied nehmende Angehörige ist, an welchem sich die Trauernden offen unterhalten und austauschen können.

Am darauffolgenden Tag wurde an die Arbeit in einem Hospiz angeknüpft, denn am Dienstag, den 16. Oktober bekamen wir Besuch von Frau Straub, die jahrelang Hospizarbeit geleistet hat und sich jetzt zwar mehr auf die Sterbe- und Trauerbegleitung fokussiert, uns aber dennoch viele Geschichten aus Ihrer vergangenen Arbeit näherbringen konnte, mit welchen Sie die gesamte Klasse in Ihren Bann gezogen hatte. Im Anschluss daran thematisierten wir mit unserer Anatomielehrerin Frau Schweizer das Thema Schmerzen und klärten Fragen wie: Was sind Schmerzen überhaupt? Welche Ursachen können Schmerzen haben? Wie werden Schmerzen behandelt? Aber auch wurde über Schmerzen von Sterbenden geredet – fühlen Sterbende Schmerzen und Erleichterung zur selben Zeit? Überwiegt die Erleichterung oder kompensiert das Gefühl des Loslassens die Schwere der Schmerzen?

Am Mittwoch startete unser Tag mit dem Thema der Sterbephasen, welche von der schweizerisch amerikanischen Psychiaterin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross beschrieben worden sind. Diese erstrecken sich von der Hoffnung auf Irrtum nach der Feststellung der Tatsache, dass die Endlichkeit des Lebens immer näher rückt, über die Frage nach dem „Warum“, dem Wunsch nach Aufschub, bei welchem das Miterleben familiärer Ereignisse wie Geburt oder Hochzeit im Mittelpunkt steht, bis hin zu Trauer um vergebene Chancen, welche durch eine depressive Stimmung gekennzeichnet ist und der Abkopplung von der Umwelt – die Akzeptanz, das Schicksal wird akzeptiert und das Loslassen beginnt, der Sterbende isoliert sich und wünscht keinen Besuch. Im Anschluss daran sahen wir uns den Film „Marias letzte Reise“ an. In ihm geht es um die 71-jährige Maria, die auf ihrem Hof die letzten Tage ihres Lebens verbringen will – ohne Chemotherapie mit entsetzlichen Nebenwirkungen. Mit Unterstützung eines Hospizes wird versucht, Marias letzten Wünsche zu erfüllen. Dieser Film zeigt nicht nur, wie sie die Tragweite der Sterbebegleitung erfährt, sondern lehrt sie auch, ihr eigenes Glück in die Hand zu nehmen. Unsere ganze Klasse war begeistert von dem Film und wir bezeichneten ihn als einen „großen Film über das Sterben und die Wertschätzung und Achtung der menschlichen Würde“.

Am Donnerstag, dem 18. Oktober trafen wir uns morgens im Haus der Zeit in Geislingen an der Steige, wo wir einen Vortrag vom Bestatter Markus Maichle erhielten. Er erzählte unserer Klasse von seinem Beruf und seinen Erfahrungen und gab uns einen Einblick in sein Unternehmen beziehungsweise in sein Unternehmenskonzept. Wir sahen uns die sakrale Trauerhalle und den parkähnlichen Garten an, auch führte er uns durch das Trauercafé und den Abschiedsraum. Sein Grundgedanke, im Haus der Zeit Raum für Trost, Geborgenheit und Hoffnung zu schaffen, gefiel uns allen sehr und wir waren begeistert davon, mit welch einer Überzeugung er seinen Beruf ausübt. Im Anschluss daran trafen wir uns mit unserer Klassenlehrerin wieder in Wiesensteig und lernte einiges über die Aromatherapie. Sie folgt den Prinzipien der Naturheilkunde und hat tiefe Wirkungen auf das psychische Gleichgewicht. Außerdem schafft sie eine seelische Umstimmung in Krisensituationen und extremen Belastungen. Die Aromatherapie wirkt also im ganzeinheitlichen Sinne auf den Körper und auf die Seele. Natürlich durften wir dies auch selber ausprobieren. Frau Miller lud uns dazu ein, dass wir uns mit verschiedensten Ölen gegenseitig die Hände massieren, was uns allen sehr gefallen hat und uns zur Ruhe kommen ließ. Zum Abschluss dieses Tages begaben wir uns mit unseren am Montag gebastelten Schiffen zur Fils und ließen diese auf dem Fluss treiben – ein runder Abschluss dieses vierten Tages - wir sahen unsere Sorgen und Ängste in weite Ferne rücken.

Der letzte Tag begann am frühen Morgen in unserer Schule – der Emil-von-Behring-Schule. Dort teilte sich unsere Klasse in zwei Gruppen auf und wir durften kochen. Gekocht wurde unter anderem, passend zur Saison, eine Kürbiscremesuppe. Natürlich durften wir, nachdem alle Gänge zubereitet waren, gemeinsam essen. Der Abschluss dieses Trauerseminares bestand aus einer kleinen Märchenstunde von Frau Schober, sie schreibt unter anderem Märchen für Erwachsene und gab uns eine kleine Leseprobe von ihrem neuesten Werk. Auch ließ sie uns ihre anderen Werke begutachten und schuf durch eine gedämmte und schwache Beleuchtung für die passende Atmosphäre.

 

Um zu einem Schluss zu kommen kann man sagen, dass dieses Trauerseminar sehr gut gelungen ist. Wir erhielten nicht nur einmalige Eindrücke und Erfahrungen von externen Dozenten, die mit unserem Berufsfeld in Berührung kommen, sondern lernten auch, über unsere eigenen Sorgen und Ängste zu reden und offen dazu stehen zu können. Das Leben ist begrenzt, viele würden den Tod als schwarz-weiß bezeichnen. Jedoch hat dieses Trauerseminar für uns alle viel Licht ins Dunkle gebracht und auch die schönen Seiten des Sterbens aufgezeigt. Jeder von uns und auch jeder von Ihnen wird früher oder später mit dem Tod konfrontiert, sei es der eigene Tod oder der Tod von engen Bezugspersonen. Der Tod soll keinesfalls rationalisiert oder verharmlost werden, jedoch ist es gut, so wie es ist. Unsere Zeit ist zwar endlich, jedoch ist es unsere alleinige Entscheidung, was wir mit dieser Zeit anfangen – nicht umsonst sagt man, dass man jeden Tag so leben und genießen solle, als wäre es der letzte.

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